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Die ( zufällige ) Entdeckung Amerikas






Es ging um Asien

Seit Heinrich dem Seefahrer ( 1394 - 1460 ) betrieben die Portugiesen die Atlantikfahrerei als Staatsaufgabe; dieser  König - der selber nie zu See gefahren war -, begann damit, die Afrikanische Westküste erforschen zu lassen. Zwei Generationen weiter, unter König Johann ( João ) dem II, hangelten sie sich immer noch unter verschiedenen Kapitänen langsam, aber sicher weiter die Westküste Afrikas hinab und tasteten sich so nach Osten vor, in richtung Asien, wo die Erwartung großer Handelsgewinne die Phantasie aller beflügelten. Es ging nicht nur um Gewürze, Gold und Edelsteine aus Indien und Indonesien ( Indo - Asien ), es ging vor allem auch um die Seide aus China, das damals von den Mongolen beherrscht wurde. Das "Indien", von dem alle schwärmten, war das 'Indien' aus dem Reisebericht von Marco Polo:

Das Ende der bekannten Welt im Osten und der wichtigste Handelspartner zu jener Zeit.


Der Plan des Columbus war nun, "Das Morgenland ( den 'Orient' ) in westlicher Richtung" zu erreichen.



Sendungen in ARTE am 17.03.2001 und 21.07.2001

( Weitere Zahlen und Fakten aus: Ulrich Küntzel, "Nervus Rerum - Die Geschäfte berühmter Männer", Frankfurt 1991, in dem dieser die Geschäftsgrundlage bekannter Weltereignisse beleuchtet; Egon Friedell, "Kulturgeschichte der Neuzeit", 1927(!), und Arno Peters, "Synchronoptische Weltgeschichte", Zweitausendeins-Verlag; u. a. )

Vasco da Gama: 1469 - 1524

Die Portugiesen waren exzellente Schiffbauer.

Die robuste und wendige, später auch von Kolumbus benutzte portugiesische Caravelle war eines der besten Schiffe ihrer Zeit; mit ihr konnten lange Expeditionen auf das offene Meer durchgeführt werden, solange die Vorräte an Bord reichten. Sie hatte ein dreieckiges Lateinersegel schräg über die Mitte des ersten Mastes, wie eine Dschunke; dadurch konnte sie besser gegen den Wind kreuzen. Mit ihr stießen die Portugiesen in vielen aufeinanderfolgenden, immer längeren Expeditionen unter verschiedenen Kapitänen von Portugal aus an der Westküste Afrikas entlang immer weiter ins Unbekannte vor, zuerst nach Süden, dann nach Osten, dann wieder nach Süden, wobei sie jedes mal einige tausend Kilometer dem dadurch nur ihnen bekannten Seeweg hinzufügten, dieses Wissen nach Portugal zurückbrachten und es so geheim hielten, daß bis heute nicht alle Einzelheiten bekannt sind.

Am Endpunkt jeder Reise, bevor die jeweiligen Umstände eine Umkehr erzwangen, setzten sie eine Markierung für die nächste, und an geeigneten Orten gründeten sie Niederlassungen. So wurden sie die ersten Kolonialisierer Afrikas südlich des Äquators, ein bis dahin allen Nordländern, auch den arabischen, unbekanntes Gebiet.

In diesen Niederlassungen wurde Handel getrieben und nach Bodenschätzen gesucht. Mit den Schätzen Afrikas, unter anderen Gold aus Ghana und der Goldküste ( und Elfenbein von der Elfenbeinküste, vermutlich ), wurden die portugiesischen Expeditionen finanziert und angetrieben.

Durch solche Erfolge wurde die Gier anderer Nationen angeheizt und der Glaube, mit solchen Expeditionen ließen sich praktisch überall neue Goldquellen auftun. Dieser Glaube veranlaßte unter anderem die Spanier dann zu ihrem brutalen Feldzug in den neu entdeckten Ländern Amerikas, nachdem Kolumbus ihnen durch seinen Glückstreffer diese Möglichkeit eröffnet hatte.

Diese Glaube war an sich nicht ganz falsch; und Gold war damals das, was heute das Erdöl ist: Schmierstoff der Weltwirtschaft, vor allem der europäischen ( die Goldmünzen der damaligen Zeit verloren durch den Gebrauch nach und nach an Substanz und somit an Wert! ).

Genauso wie Erdöl fand man Gold zwar nicht überall, aber man konnte es finden, wenn man nur überall danach suchte; die Expeditionen jener Tage waren also auch immer Exploration, ein Wort, das in anderen Sprachen deshalb auch verschiedene Bedeutungen hat.

Die Portugiesen waren darüber hinaus die ersten, die auf den Inseln vor Westafrika wie São Tomé und Príncipe den Zuckerrohranbau einführten, die Afrikaner vom Festland darauf arbeiten ließen und so schließlich deren Verschleppung in die Sklaverei nach Brasilien auf die dort neu erstellten Zuckerrohrplantagen begannen, als dieses Gebiet ihnen durch die Aufteilung der Welt 1493 durch den Vatikan ( der damit auch indirekt zugab, daß die Welt eine Kugel sei ) in eine portugiesische und eine spanische Hälfte entlang eines bestimmten Längengrades ( ! ) unmittelbar nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus zugesprochen wurde; von Pol zu Pol auf 38 Grad westlicher Länge, später im Vertrag von Tordesillas auf 46,5 Grad festgelegt, westlich davon für Spanien, östlich davon für Portugal - jeweils bis nach Indien.

Auch Kolumbus nahm auf seinen Reisen nach Süd - und Mittelamerika einige Zuckerrohrsetzlinge mit in die Karibik, so auf seiner zweiten Reise im Jahre 1493, wo sie unter anderem auch auf Haiti angepflanzt wurden ( Kolumbus nannte sie Española oder Hispañola, in etwa 'Klein - Spanien' ). Sie war sozusagen die erste spanische Kolonie in Amerika, besiedelt mit Verbrechern aus spanischen Gefängnissen und Sklaven aus Afrika - eine unschlagbare Kombination. Zeitweise arbeiteten auf den Zuckerfeldern Kubas fast eine halbe Million Sklaven. Auch die Baumwolle wurde zuerst auf den Inseln vor der Nordamerikanischen Ostküste angebaut.

Damit nahm die Sache dort ebenfalls ihren Lauf; diese sehr profitable Methode der Landnahme und - bewirtschaftung wurde daraufhin von den anderen Seefahrernationen des Ostatlantik, den Spaniern, den Holländern, den Engländern usw. natürlich begierig aufgegriffen und in der weiteren Karibik und im Süden Nordamerikas eingeführt und praktiziert, wo der Zuckerrohranbau zwar später der Baumwolle wich, die Sklaverei aber noch eine Zeitlang blieb.





Kolumbus

1484 fuhr Kolumbus unter portugiesischer Flagge nach Westafrika an die Goldküste; er kannte also wahrscheinlich den portugiesischen Plan, um Afrika nach Osten Asien zu erreichen, so genau wie jeder andere, der daran beteiligt war, so wie auch Martin Beheim.

Vom Charakter her anscheinend ein Querkopf und Großmaul, und außerdem ein ausgezeichneter Seemann, hatte er wohl gemerkt, daß ihn der Passatwind von der Westspitze Afrikas nach Westen treiben würde, wo ja dann irgendwann nach Meinung Aller Asien kommen mußte.

Die Frage war eigentlich nur, wann. Darüber gingen die Meinungen nun stark auseinander. Bis zu den Azoren war man schon gekommen,1000 Kilometer in den Atlantik hinein, und fuhr hin und zurück; daß man damit schon fast ein Drittel des Weges nach New York geschafft hatte, wußte niemand.

Die Grenzen des Atlantik hatte noch niemand erfahren. Oder doch? Man wußte es nicht. Die Größe, Wind - und Strömungsverhältnisse des seit ewigen Zeiten von arabischen Kaufleuten befahrenen Indischen Ozeans zwischen Ostafrika und Asien aber waren bekannt wie die des Mittelmeeres, die Transportkosten dort somit berechenbar.

Was nicht bekannt war, war die Länge Afrikas und damit die Länge des Seeweges von Portugal aus. Natürlich teilten die Portugiesen, in deren Diensten Kolumbus selber ein kurzes Stück die westafrikanische Küste hinabfuhr, ihm nicht unbedingt mit, auf welchen Annahmen und Karten ihre seemännischen Berechnungen über den weiteren Weg nach Osten beruhten; das war Staats - und Geschäftsgeheimnis, auf das deren Verrat die Todesstrafe stand und auch ausgeübt wurde, wie legendärerweise auch heute noch auf dem Verrat von wichtigen Militärgeheimnissen. Industriespionage war es allemal, und deshalb ein gefährliches und hochprofitables Geschäft. Die Hochsee - Handelsschiffahrt war es auch. Nicht alle Schiffe und Besatzungen kehrten zurück. Auch darin ähnelte sie der heutigen Raumfahrt, nicht nur im Vorstoßen ins Unbekannte und monatelanger, manchmal jahrelanger Nachrichtenlosigkeit.

Die damaligen portugiesischen Expeditionen hatten selbstverständlich, wie heute Ölbohrungen, neben dem wissenschaftlichem Ziel auch immer eine militärische und eine kaufmännische Seite. Es gab - wie vielleicht auch heute - zu jener Zeit von jedem Reisebericht deshalb mindestens zwei Versionen: eine geheime, wahre, die ausschließlich für die Auftraggeber - hier der Königshof - bestimmt war und oft nur verschlüsselt überliefert und mündlich ergänzt wurde, und eine breit ausgeschmückte, bewußt irreführende, für die Öffentlichkeit und die mithörende Konkurrenz bestimmte Version, in der es von falschen Orts - und Zeit - Angaben, Übertreibungen, See - Ungeheuern und anderen Dingen wimmelte.

Kolumbus, der wie Viele ein gelernter Kartograph war, führte also, so kann man sich das vorstellen, nachts in seiner stickigen Kajüte vor West - Afrika einige eigene Berechnungen durch und kam zu dem Schluß, daß die Fahrt um Afrika herum eine mühselige Zeitverschwendung sei.

Das müßte nach all den Weltkarten, die er gesehen und gezeichnet hatte ( und auf denen regelmäßig die Ozeane zu klein und die Landmassen zu groß eingezeichnet waren, allein schon um das damals teure Papier oder Pergament zu sparen und gleichzeitig alle Details der Küsten aufzunehmen, an denen man sich ja zu orientieren hatte ), doch bestimmt auch schneller gehen, und zwar auf direktem Weg nach Westen, ins Blaue hinein. Das war außerordentlich kühn gedacht; es beruhte zwar auf nichts anderem als Annahmen und Wagemut, aber das soll der entscheidende Karriereschritt in seinem Leben werden.

Mit heutigen Worten: er hatte eine Geschäftsidee; nun ging er damit an die Börse und suchte Wagniskapital. Das Ziel, den Seeweg nach Asien als erste zu finden, hatten damals Viele. Er aber versprach ihnen eine Abkürzung. Das Ziel schnell zu erreichen, noch zu Lebzeiten reich werden, das war sein Vorschlag, nicht so langsam und schildkrötenhaft zäh wie die Portugiesen über Generationen hinweg.

Außerdem waren die portugiesischen Kapitäne inzwischen schon recht weit nach Osten gekommen; zwar wußte noch niemand, wie weit sich Afrika nach Süden zog, und ob es dort überhaupt eine Seepassage gab ( im Norden gab es sie ja nicht, hinter Norwegen begann das Eis ); wenn nicht, dann war die Wagnis nach Westen das einzig noch Mögliche; und sollten sie tatsächlich auf diesem Weg Erfolg haben können, dann galt es, wenigstens schneller zu sein; dann mußte man sich in der Tat beeilen und alles auf eine Karte setzen, bevor die Handelsroute auf Jahrzehnte festgelegt wurde.

Also trug Kolumbus seinen Plan - das sprichwörtliche "Ei des Kolumbus" - König Johann dem Zweiten von Portugal, nach heutigen Begriffen dem obersten Chef in diesem Unternehmen, vor und bat um Finanzierung. In anderen Worten: er sagte dem obersten Management eines Staatsunternehmens - seinen Chefs - , daß sie bisher ziemlich viel Zeit und Geld in ein Unternehmen verschwendet hatten, dessen Ausgang immer noch höchst zweifelhaft war. Er schlug vor, das ganze Konzept umzuwerfen und direkt nach Westen zu segeln.

Man warf ihn hinaus.

Vielmehr: nicht ganz. Der König ließ die Sache von seinen Mathematikern und Nautikern begutachten und lehnte sie danach erst einmal ab.

Die von ihrem früheren Angestellten Kolumbus vorgetragene Entfernungs - und Proviantberechnungen stimmten nach deren maßgeblichen Meinung nämlich nicht und beruhten auf völlig falschen Annahmen - womit sie nebenbei vollkommen recht hatten.

Die geplante Expedition würde nie in Asien ankommen.

Sie ist es ja auch nicht.

In Portugal war damals schließlich das ganze Wissen der westlichen Welt zu diesem Thema versammelt. Kolumbus hatte die Entfernung nach Indien ( vielmehr Asien ) in westliche Richtung von den Kanarischen Inseln aus mit 3900 Seemeilen in Ansatz gebracht - tatsächlich sind es 13000. Das wußten die Portugiesen. Die Expedition würde gerade mal ein Drittel des Weges schaffen und dann mitten auf dem Ozean verhungern und verdursten. Die Schiffe wären verloren. Und auf so etwas hatten die Portugiesen, die sich ja nun über Jahrzehnte unter Mühen und hohen Investitionen schon so weit um Westafrika herum nach Osten vorgekämpft hatten, keine große Lust.

Wozu auch? Sie waren ihren eigenen Berechnungen nach auch so bald am Ziel, in dem sie sich an den Küsten Afrikas und Asiens entlanghangelten. Das "Kap der guten Hoffnung" war schon umschifft. Nach allem, was sie wußten, war der westliche Ozean so breit sein wie Atlantik und Pazifik zusammen, und niemand wußte, was einen da erwartete. Eine Verproviantierung für eine derart lange Reise war unmöglich. Und selbst wenn sich im westliche Ozean Land, gar von Menschen besiedelt, befinden sollte: niemand wußte, wo. Noch war kein Schiff jemals aus dem Westen des Atlantik gekommen, und eigene Schiffe, die sich dorthin hinausgewagt hatten, hatten von nichts berichtet als einer Wasserwüste - wenn sie überhaupt jemals zurückkehrten.

Die Azoren waren das westliche Ende der bekannten Welt. Wer von ihnen aus weiter nach Westen fuhr, war verloren.


Die Kugelgestalt der Erde

Zwar wußte man das meiste davon nicht aus praktischer Erfahrung, die Kugelgestalt der Erde war bis dahin nur eine theoretisch - mathematische Annahme ohne empirische Grundlage, im Westen der Azoren konnte sonstwas liegen; sicher war gar nichts.

[ Der Durchmesser der Erde - und damit ihre Kugelgestalt! - war allerdings erstaunlicherweise schon eineinhalb tausend Jahren zuvor von Griechen auf eine genial einfache Art berechnet worden; und das ziemlich genau, wie sich später herausstellte.

Die Idee, die Erde könne eine Kugel sein, gab es also schon lange vor Kolumbus, auch wenn die meisten seiner Zeitgenossen - und die offizielle Kirche - sie immer noch als eine große Scheibe betrachteten, was den meisten Ansprüchen durchaus genügte. Das entsprach den Erfahrungen der Menschen, und wer sich nie aus seinen Kreisen heraus bewegte ( und welchen Erdenbewohner kümmert denn heute die Relativitätstheorie? ), der merkte ja auch nichts von ihrer Kugelgestalt. Nur Weitgereiste ahnten, daß da mehr sein mußte.

Allerdings war die Idee von der Kugelgestalt der Erde bereits so weit akzeptiert, daß schon im Jahre 1473 ( also 20 Jahre vor Kolumbus' erster Amerikareise ) Portugal einen Kapitän namens João Vaz Corte-Real nach Dänemark schickte, wo dieser mit einem Deutschen namens Didrik Pining aus Hildesheim von Bergen in Norwegen aus die Nordwest - Passage ( den Seeweg nach Asien über den Nordpol ) suchen sollte und auf diesem Weg die alte Wikinger - Kolonie auf Grönland, gegründet 981 mit 50 Schiffen von Erik dem Roten, also etwa 500 Jahre zuvor - man hatte allerdings ein paar Jahrzehnte nichts mehr von ihnen gehört. Und bereits 1434 hatte der deutsche Nikolaus von Kues ( 1401 - 1464 ) die Kugelgestalt und Achsendrehung der Erde gelehrt.

'Wik' oder 'Wyk' bedeutet 'Bucht'; das Wort "Wikinger" bezeichnete eine bestimmte Gruppe von Menschen also nicht so sehr nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrer Tätigkeit: sie waren, wie die ursprünglichen Piraten, nicht Wegelagerersondern "Buchten - lagerer" oder "Buchten - bewohner" oder auch Seeräuber - Räuber zur See! ]

Die Kirche lehnte nicht eigentlich die Idee von der Kugelgestalt der Erde ab, sondern lediglich die Existenz von Antipoden ( "Gegenfüßler" - von denen es im Übrigen erstaunlich wenige gibt ), d.h. von Menschen, die von Rom aus gesehen auf dem Kopf stehen müßten - was dann aber von den Portugiesen widerlegt wurde, als sie eben solche südlich des Äquators in Afrika fanden und dadurch selber ja auch zu solchen wurden ( man vermutete dort die 'Unterwelt', also die Hölle, da man ja selber oben war ).

Andererseits wurde erst durch die Idee der Kugelgestalt der Erde -  ohne daß man noch irgend eine Ahnung von Schwerkraft als Erklärung für dieses Phänomen hatte - die Angst der Seeleute beseitigt, "Über den Rand der Welt in die Unterwelt zu fallen" - eine Weltkugel oder Kugelwelt hat keine Ränder - und die Idee der Hölle dorthin zu verbannen, wo sie hingehört: in den siedenden Mittelpunkt einer Kugel ohne Ausweg.

Danach waren seufzend vom Vatikan, der nun die Erde ja als oberste christliche und wissenschaftliche Instanz aufzuteilen hatte, sogar vor Beheim Globen in Auftrag gegeben worden. ]  

Es gab bei Ankunft von Corte-Real und Pining nur noch wenige Menschen auf Grönland. Sie hatten sich bis dahin mit Pelz - und Stoßzahn - Handel ( Elfenbein ) finanziert. Dieser war aber zum erliegen gekommen, und auch scheint sich das Klima verschlechtert zu haben ( die letzten Grönland - Kolonisten sind später verhungert; die Kolonie starb bis in die Neuzeit aus ). Auf Grönland hörten sie von dem drei Tagesfahrten weiter im Westen liegenden VinlandLabrador, also Nordamerika ), welches von Leif Erikson bereits etwa im Jahre 1000 entdeckt worden war. Ob sie auch hinfuhren, ist unbekannt, sie hätten gegen den Golfstrom navigieren müssen; vielleicht genügte ihnen die Information. Die ganze Gegend war auch unter dem Namen "Stockfischland" bekannt, wegen der Kabeljauschwärme vor Neufundland. Aber "Vinland"? Es wuchs Wein in Nordamerika? Wohl kaum. Vielleicht wilder Wein … da war wohl der Wunsch, vielmehr die Hoffnung, Vater des Gedankens. Oder vielleicht nordischer Desperado - Wikinger - Humor ( oder Aufschneiderei, um Leute zu locken ): so richtig grün war 'Grönland' ja nun auch nicht. Der geträumte Wein war wohl auch eher giftiger Efeu.

( Die Reise von Pining und Corte-Real wurde, nebenbei bemerkt, im Jahre 1497, also noch zu Zeiten von Kolumbus' Entdeckungsfahrten, von dem Venezianer Giovanni Gabotto (  unter englischer Flagge als John Cabot ) wiederholt. Diesmal erreichten sie sogar wieder Labrador, das alte 'Vinland' der Wikinger. Cabot betrat damit noch vor Kolumbus erneut das nordamerikanische Festland. Dieses war übrigens dieselbe Route, die Charles Lindbergh später umgekehrt für seine legendären ersten Atlantiküberflug nahm. Er hatte so für den Notfall fast immer Land unter sich. )

Corte-Real wurde dann später Statthalter auf den AzorenPining wurde Statthalter auf Island ), als zufällig oder nicht auch Martin Beheim dort lebte. Er wird ihm von seiner Expedition erzählt haben. Mit Hilfe seiner Angaben hat Beheim Grönland 1492 auf seinem Globus eingefügt. Vinlandkarte SPIEGEL Ob Corte-Real VinlandAmerika ) je erreichte, ist fraglich. Aber auch dann wäre es nur als Insel im Nordmeer in der Nähe von Grönland beschrieben worden - und so AsienChina ) zugehörig. Daß es sich bei 'Vinland' tatsächlich um einen Kontinenten handelte, der fast bis zum Südpol hinzieht, konnte damals wirklich keiner ahnen.

Es war aber auch eine Prestigefrage: wenn die Portugiesen Kolumbus jetzt nachgaben, dann gaben sie diese Unsicherheit zu, und wenn er Erfolg hätte, dann könnten sie das bisher investierte Geld in den Seeweg nach Osten abschreiben.

Eine wirklich neue Erkenntnis, die so ein Umschwenken gerechtfertigt hätte, hatte er aber nicht zu bieten; seine Behauptung, der Atlantik wäre viel schmaler als sie meinten, grenze an Asien und sei in wenigen Wochen zu durchqueren, beruhte auf einer Minderheitenmeinung: die "Genueser Weltkarte" entstand 1447 in Florenz. Am Schreibtisch eines Florentiner Naturwissenschaftlers Toscanelli entstand der Plan Indien in Richtung Westen zu erreichen; Toscanelli zeichnete eine neue Weltkarte und berechnete die Distanz nach Indien auf 130 Längengrade ( es sind tatsächlich nach Osten etwa 90 Längengrade, nach Westen also 270 - drei mal so weit wie nach Osten! - was auch noch je nach angenommenem Erddurchmesser ganz unterschiedliche reale Distanzen ergibt ).

Wozu ein unkalkulierbares finanzielles Wagnis eingehen, wenn der Erfolg auf dem bisherigen Weg berechenbar war und die Expeditionen sich durch Handel und Wandel mehr oder weniger trugen?

Aber aufregend war es doch. Man müßte den Mut aufbringen und ins Unbekannte hineinsegeln. Nun befand sich unter den Gutachtern zufällig auch ein Vertreter dieser Minderheitenmeinug, ein Kartograph aus Nürnberg, der portugiesischen Hofastronomen Martin Behaim oder Beheim. Dessen eigene Berechnungen und Karten stützen die Annahme, Asien läge in westlicher Richtung nur ein paar Wochen entfernt; ein Streit unter Experten.

Beheim war allerdings ein Außenseiter in der Runde, er kam aus den nördlicheren Gefilden Europas und hatte vielleicht von der sagenhaften Atlantiküberquerungen einiger Nordländer gehört. Und er hatte einige Zeit auf den Azoren gelebt. Vielleicht spürte er etwas, was die anderen nicht spürten.

Oder war es anders herum, hat vielleicht Kolumbus oder jemand anderes ihn schlicht überzeugt? Beheim, der angeblich 1482, zwei Jahre vor Kolumbus, selber auf einer der Forschungsreisen um Westafrika herum bis an die Kongomündung mitgefahren sein soll, hat später einen Globus gebaut, den ersten, einen, der die Welt so zeigte, wie Kolumbus sie auch sah: ohne Amerika, ohne den Pazifik- und im Verhältnis von See zu Land um etwa 30% zu klein; die erste brauchbare Darstellung der Welt als eine Kugel mit etwa 1 Meter Durchmesser, aus Holz oder Pappmaché. Er übertrug auf diese Kugel die damalige Landkarte der Erde mit den damals bekannten Erdteilen Europa, Asien, und Afrika sowie den diese Kontinente umgebendenMeere: Nord- und Südatlantik, den Arabischen und Indischen Ozean und den Westpazifik.

Eigentlich wurde dabei nur der bekannte Westrand Europas - Vinland und Grönland - mit dem bekannten Ostrand Asiens - China - zusammengelegt; die damalige Weltkarte also um eine Kugel gewickelt, deren Längen nach den vorgeblich bekannten Landstrecken angenommen wurde - also viel zu groß.

[ Generell wurden damals die Landmassen auf Karten im Verhältnis zu den Meeren zu groß eingezeichnet, um alle Details des Küstenverlaufs einzeichnen zu können - ebenso wie Flüsse aus dem gleichen Grund zu breit gezeichnet wurden. Nicht die Distanz war wichtig, sondern die Orientierung. 'Orientieren' bedeutete im Wortsinn, die Seekarte auf dem Tisch nach dem Sonnenaufgang auszurichten, d.h. nach Osten; später erst, mit der Entwicklung des Kompass, wurden Karten nach Norden ausgerichtet - 'eingenordet'. ]

Dadurch blieb, wie erwartet, nur der Atlantik übrig zwischen Europa und Asien, und zwar in etwa so breit wie der Atlantik tatsächlich ist. Dieses war zwar ein Zufall, kam aber bei der hohen Ungenauigkeit der damaligen Weltkarten mit 'Vinland' ganz gut hin, so daß Kolumbus, der diese Werte zur Grundlage seiner Reise westwärts nach Indien nahm, genau da auf Land traf, wo er es erwartet hatte, und bis zu seinem Tode daran festhielt, die Westroute nach Indien entdeckt zu haben. Für ihn lag Indien genau so weit im Westen wie im Osten, jeweils etwa 10000 Kilometer entfernt, somit am anderen Ende der Welt; er selbst, Europa, Spanien, Italien, Rom im Mittelpunkt der Welt - voilá.

Mathematik, wie der Glaube, kann tückisch sein.


Merkwürdig auch, daß einige Mitglieder dieser Kommission, u. a. auch Beheim, nach der königlich portugiesischen Ablehnung der Finanzierung der von Kolumbus vorgeschlagenen Expedition nach Westen auf eigene Faust und mit eigenen Schiffen von den Azoren aus nach Westen in Richtung Asien aufbrechen wollten, und zwar ohne diesen Kolumbus. War das nun Ideenraub und besinnungslose Gier, oder war das ablehnende Urteil der Kommission doch nicht so einmütig gewesen? Und was hatte der Königliche Statthalter auf den Azoren damit zu tun?

Es fehlte ihnen jedoch nachher der Mut und das seemännische Können und Wissen des Herrn Kapitän Kolumbus; es wurde nichts aus dem Plan. So leichtsinnig waren die Herren dann nun doch wieder nicht.

Vielleicht hatte Kolumbus ihnen auch nicht absolut alle Einzelheiten seines Vorhabens verraten. So ganz ohne war die Sache letztendlich ja nicht.


Kolumbus' genialer Coup bestand ja darin, sich weit südlich von Portugal von den von Afrika aus beständig seewärts nach Westen wehenden Passatwinden, die er spätestens auf seiner Fahrt an die Goldküste kennengelernt hatte, auf das offene Meer in Richtung Asien hinaustreiben zu lassen, wie später Thor Heyerdahl, und dann in hohem Bogen weiter nördlich mit den Westwinden und dem Golfstrom zurückzukehren, aber das wußte er noch nicht - oder war das etwa schon sein Plan?

Anders ausgedrückt: Da niemand damals genau wußte, wie breit der Atlantik eigentlich war ( denn niemand hatte ihn bis dahin je durchquert und war zurückgekommen ) mußte Beheim dessen Breite anders ermitteln. Die Länge und Breite der Erdteile entnahm er den Karten der Seefahrer, übertrug diese auf einen Globus mit dem entsprechenden Durchmesser; und siehe da! Es paßte vortrefflich. Denn außer im tiefsten Süden, wo man aus Symmetriegründen das große "Terra Australis" vermutete, die spätere Antarktis, gab es auf diesem Globus gar keinen Platz mehr für wirklich große Landmassen. Damit war die, wenn auch irrige, theoretische Grundlage für eine Reise quer über den Atlantik nach Indien geschaffen.

Kolumbus davon hörte, war er sofort Feuer und Flamme. Das ist ja wunderbar, rief er, da fahre ich von Gibraltar aus nach Süden an Afrika entlang, lasse mich von den Passatwinden nach Indien blasen, segle dann nordwärts an Asien hoch und lasse mich von den Westwinden weiter nördlich wieder nach Hause blasen.

Das war auch nicht so wichtig. Einmal in Asien, würde er den Weg nach Hause schon finden, sei es durch eine weitere halbe Erdumrundung in westlicher Richtung bis ins Rote Meer hinein, sei es auf dem Landweg. Es kam vielmehr darauf an, der Erste am Ziel zu sein und sich so die Rechte zu sichern. Ein genial einfacher Plan. Jetzt brauchte er nur noch jemandem, der ihm das ganze finanzierte, einen Sponsor, im Austausch mit den zu erwartenden Gewinnen.

Für die Portugiesen, die sich bis dahin immer die afrikanische Küste entlang von Wasserloch und Wasserloch und von Stützpunkt zu Stützpunkt bewegt hatten, war das eine unangenehme Vorstellung. Niemand konnte schließlich ahnen, was einen da draußen auf dem offenen Atlantik erwartete, außer - relativ sicher - Hunger und Durst und Meuterei und recht wahrscheinlich der Tod. Sie waren keine Hasardeure. Wozu auch.

Von den Portugiesen abgewiesen, machte sich Kolumbus 1485 nach Spanien auf und galt somit in Portugal eigentlich als potentieller Hochverräter, da er schon zuviel über Portugals Seeweg nach Osten wußte.

In Spanien sondierte er weiter nach Sponsoren für seine Idee: bei der Konkurrenz, dem Spanischen - eigentlich noch dem Castillianischen - Königshaus, das jedoch zunächst von dem Vorschlag auch nichts wissen wollte.

Spanien hatte zu der Zeit andere Sorgen; es war eine Landmacht im Bürgerkrieg, und was die Portugiesen an ihrer Westküste so trieben, interessierte sie nicht sehr, so lange sie damit keinen großen Erfolg hatten.

Also verdingte sich Kolumbus um 1478 als Zuckereinkäufer auf Madeira; der Zuckeranbau hatte bereits den Westatlantik erreicht, und so kam er mit ihm in Berührung, wenn nicht schon vorher bei den Portugiesen vor Westafrika.

Das sollte später von Bedeutung sein.

Inzwischen hatten jedoch die Portugiesen das letzte Hindernis auf dem Weg um Afrika herum, die endlose, knochenübersäte, trinkwasserlose Sperre der Namib - Wüste entlang der Westküste Südafrikas mit Hilfe von Extravorräten an Trinkwasser und Nahrung auf Begleitschiffen unter Bartholomäus Diaz überwunden, der dieser Gegend auch ihren noch heute gültigen Namen "Skelettküste" gab ( fast alle Namen an der Westküste Afrikas tragen noch heute die Namen, die ihnen die portugiesischen Entdecker gaben ). Er war damit weiter gekommen als der Phönizier Hanno tausend Jahre zuvor.

1488 umschifften sie das Kap der Stürme ( später am portugiesischen Hof umbenannt in das Kap der Guten Hoffnung ) an der Südspitze Afrikas, und der Weg nach Indien war frei ( es gab sogar anscheinend eine Landexpedition vom Kongo aus quer durch Afrika nach Indien; sie kam angeblich dort sogar an - und wäre damit die erste bekannte Durchquerung des bis dahin unbekannten Kontinents; der Bericht ist verschollen ).

Als das bekannt wurde, erinnerte sich das Spanische Königshaus wieder an Kolumbus, vielmehr es sah seinen Vorschlag nun in einem andern Licht: er war für sie eine billige Chance, verlorenes machtpolitisches Terrain wiederzugewinnen. Sie selber hatten von der Seefahrt so gut wie keine Ahnung.

Aber man hatte so wenigstens den Hauch einer Chance, der portugiesischen Konkurrenz gleich nebenan - die ja demnächst sehr reich und damit mächtig sein würde - vielleicht doch noch zuvorzukommen, oder man war den lästigen Bittsteller ein für alle mal los. Die Spanier zu jener Zeit hatten mit der Alternative - Erfolg oder Tod - so wenig Mitleid wie alle Anderen. Schiffe gingen damals häufig verloren, auch noch in späteren Jahrhunderten, Verluste von bis zu 30% an Mensch und Material waren immer einkalkuliert; auf einen verschollenen Fremden mehr oder weniger kam es nun wirklich an, außerdem war das sein Risiko, und er bettelte ja geradezu darum. ( Die Seefahrerei in jeder Form gehört auch heute noch zu den gefährlichsten Berufen mit einer hohen Mortalitätsrate. )

Sie ließen Kolumbus kommen.

Angesichts des Vorsprunges der Portugiesen hatte man nicht mehr viel zu verlieren. Man gab Kolumbus drei Nußschalen, ernannte ihn mit einem gewissen Humor, aber auch auf sein Drängen hin - er wußte schon, warum er das forderte - zum Admiral des Atlantik und beteiligte ihn wie üblich vertraglich am zu erwartenden Besitz und Gewinn der Expedition.

Allerdings hatte der spanische Königshof, durch die Maurenkriege finanziell völlig am Ende, in der Hoffnung auf die zu erzielenden Reichtümer aus Indien und Asien sich das Kolumbus - Abenteuer durch italienische - vermutlich genueser und florentiner - Geldhäuser finanzieren lassen, was nicht nur auf die Person des gebürtigen Genuesers Kolumbus ( es gibt das seltsame Gerücht, wonach Kolumbus eigentlich Norweger gewesen sei - was seine Bekanntschaft mit Nordeuropa und seine Kenntnisse von Atlantik neu beleuchten würde. Vielleicht bezog sich " Genueser" ja auf die von ihm unterstützte Lehrmeinung oder seine Finanziers ), sondern auch auf die spätere Beteiligung des Florentiners Americo Vespucci, dem Namensgeber des neuen Kontinentes, ein interessantes Licht wirft .

Natürlich betrog man ihn nachher. Niemand hatte mit einem derartigen Erfolg gerechnet. Es war ein reines Vabanquespiel: man setzte im Rennen um die Welt auf einen krassen Außenseiter.

Dieser fuhr fröhlich los immer westwärts nach Indien und landete genau da wo er es erwarten konnte, in - Venezuela. Seiner Meinung nach natürlich in Indien, was tatsächlich etwa auf gleicher Höhe liegt, nur eben etwas weniger weit weg. Sogar die Küstenlinien ähneln einander, da viele Südkontinente in etwa dreieckig sind - und das kein Zufall.

Ostindien - Westindien
Kolumbus fuhr also ein wenig die Küste von Indien / Venezuela ( "Ostindien" bzw. "Westindien" ) rauf und runter.

Es war ein Kontinent, ohne Zweifel: es gab einige große Flüsse, wie sie nur auf großen Landmassen möglich sind. Dazu viele halbnackte braune Menschen: 'Indios' eben - Inder. Kolumbus fuhr nach Norden. Einige seltsame Inseln, noch mehr 'Inder': Indonesien, was sonst? Dann wieder eine Halbinsel, und noch ein Kontinent. Das konnte nur (Ost-) Asien sein. Japan und China waren erreicht. Heureka! Dann nahmen ihn Westwinde und Golfstrom wieder zurück nach Spanien, genau wie er es geplant hatte. Alles klar! Er hatte es geschafft. Der Außenseiter hatte gewonnen.

Das war schieres Glück und natürlich auch Selbstvertrauen am Rande des Größenwahns. Kolumbus nahm zwar genügend Vorräte mit für seine Reise, aber wäre er nicht genau dort, wo er Asien vermutete, auf Amerika gestoßen, wären er und seine Mannschaft nach einem Drittel der Strecke elend verhungert und verdurstet und auf hoher See spurlos verschollen, wie vermutlich schon viele vor ihnen. Sie meuterten bereits.

Der eingefahrene Gewinn war märchenhaft.

Wenn auch anders als gedacht: Amerika war nicht Asien, an Handel war nicht zu denken. Wie in anderen Fällen, bei den Diamanten in Namibia, dem Gold von Alaska, dem Holz der Tropen etc. war die erste Sahne auch erst einmal die letzte. Man schöpfte das ab, was sich in Jahrhunderten oder Jahrtausenden angesammelt hat oder was Andere angesammelt hatten. War das abtransportiert, mußte man weiterziehen, denn diese Vorräte füllten sich ja erst in weiteren Jahrhunderten oder Jahrtausenden wieder auf, wenn überhaupt. Aber mit viel Arbeit kam man vielleicht irgendwann an die Quellen heran, die eine Zeit lang steten Gewinn abwarfen.

Kolumbus hatte den - spanischen oder italienischen - Investoren einen riesigen und, was die Ausbeutung anging, quasi jungfräulichen Kontinent überreicht. Als diese erkannten ( und sie erkannten das sehr schnell ), was ihnen jener ahnungslose Glückspilz da eingebracht hatte, zwar nicht Asien, aber unter Umständen viel wertvoller, da machten sie gleich Nägel mit Köpfen: sie sicherten sich das riesige, noch völlig unbekannte Gebiet, indem sie zu ihrer damaligen höchsten Instanz, dem Vatikan, fuhren und sich die neu entdeckte Hälfte der Welt als Eigentum überschreiben ließen.

Im Herbst 1492 war Kolumbus mit nichts als einem versprochenen Admiralspatent losgefahren, im Frühjahr 1493 kehrte er mit Amerika im Gepäck zurück, im Sommer 1493 gehörte die halbe Welt nominell Spanien.

Noch nie war mit so wenig Aufwand so viel erreicht worden.

König Johann von Portugal knirschte mit den Zähnen. Jahrzehnte voll Investition und harter Arbeit, und nun das. Es half ihm jedoch nichts. Mit dem Nachbarn Spanien war nicht zu spaßen, es war zu stark, kriegsgewohnt, demnächst auch noch reich und hatten nun darüber hinaus das auch für Portugal gültige Recht auf seiner Seite. Immerhin, der Seeweg nach Asien um Afrika herum war den Portugiesen nach wie vor sicher. Das, was Kolumbus da entdeckt hatte, war weder ihrer noch der spanischen Meinung nach Asien, und West - und Ostasien blieb Portugal zugesprochen, mehr oder weniger, je nachdem, wo die vom Vatikan in Rom willkürlich durch die Welt gezogene Grenze zur Aufteilung der Erdkugel in eine spanische und eine portugiesische Hälfte denn nun in der Realität tatsächlich verlief. Im Übrigen war der damalige Papst Alexander VI, ein Borgia, Spanier.

Was blieb den Portugiesen anderes übrig? Sie führten ihre Entdeckungs - und Handelsreisen unter anderen Kapitänen fort und machten daraus ihren Gewinn, so gut es eben ging.1498 erreichte Vasco da Gama endlich Indien auf dem Seeweg um Afrika herum,1517 kamen die Portugiesen schließlich bis nach China und Japan. Asien war nun erreicht und war doch so weit weg wie eh und je.

Die Portugiesen hatten recht behalten, und doch interessierte das niemanden mehr so sehr. Amerika lag viel näher und war schneller zu erreichen. Es war zwar nicht von der gleichen, uralten, reichen, handelsgewohnten Zivilisation beherrscht wie Asien, aber das war nicht unbedingt ein Nachteil. Es war Unterlegen wie Afrika. Es lebte in der Steinzeit. Man konnte es besiedeln und was daraus machen. Das galt auch für den Portugiesischen Anteil, das spätere Brasilien.

Spanien brachte inzwischen den ihm vom Vatikan zugesprochenen Teil Südamerikas mit aller ihm zur Verfügung stehenden Brutalität in seine Gewalt und raubte es aus, indem es sich seiner in Jahrzehnten kriegsgestählten Abenteurern, Mördern und Plünderern dahinein entledigte, es ihnen erlaubte, sich daran zu bereichern, wenn sie nur Steuern zahlten, und schwang sich mit dem südamerikanischen Erz zur militärischen Weltmacht auf.

Vier Mal fuhr Kolumbus im Auftrag des spanischen Königshofes mit einer Meute von Kolonialisatoren, Händlern, Missionaren und Beutemachern nach Amerika, doch bis zu seinem Tode blieb er dabei, nach Indien zu fahren; es gab nachher noch einen wüsten Streit zwischen seinen und Vespuccis Erben um die Ehre und den Lohn, Amerika entdeckt zu haben. Er selber konnte das ja nicht einfordern, weil er zuerst hätte zugeben müssen, gar nicht nach Asien zu fahren - also seinem eigentlichen Auftrag nicht gerecht zu werden - und damit seinem Lohn und seiner Privilegien verlustig zu gehen. Ob er es wußte, aber schwieg, oder ob man ihn selber darüber im Dunkeln ließ, während man die Berichte auswertete, neue Weltkarten zeichnete und den Prozeß vor dem damaligen obersten weltlichen Gericht der Christenheit, dem Vatikan, über die Zuteilung dieser potentiellen Bonanza vorbreitete, sie dahingestellt.

Hat Martin Beheim je seinen Globus korrigiert? Er starb, wie Kolumbus, 1506.

Lange gehalten hat das am Ende nicht. Von fremden Geld reich geworden, versank Spanien in um so bitterer Armut, als der Gold - und Silberstrom versiegte.

Aber auch Portugal hatte nicht viel von den Asienfahrten; der wahre Reichtum war nun in dem viel näheren Amerika zu machen, und auch Portugal setzte darauf, u. a. mit dem Anbau von Zucker. Als irgendwann dieser Boom vorüber war, erstarrte auch Portugal in jahrhundertelanger Armut.

Reich und mächtig durch die Entdeckung der Neuen Welt wurde dagegen Nordeuropa, das sich vom Joch der Vatikanischen Weltherrschaft befreit hatte und dessen Jurisdiktion und Steuerrecht nicht länger anerkannte. Am reichsten und mächtigsten wurde England, das diesen Weg als erster gegangen war.

Letztendlich sahen die Nordeuropäer, auch geographisch sowieso knapp außerhalb der Reichweite Roms liegend, den Beschluß des Vatikan, der damaligen Weltregierung, über die Aufteilung der Welt ( worin sie selbst ja höchstens als Besitz der Katholischen Kirche, nicht aber als Besitzende berücksichtigt waren ) als für sie nicht bindend an, und führten eine Reihe von religiösen Sezessionskriegen, Reformation genannt, um sich von dem Machtbereich des Vatikan loszueisen ( die darauf folgende Strafexpedition des Vatikan mit Hilfe der spanischen Armada scheiterte, auch dessen Landexpedition nach Deutschland führte trotz langem, blutigen Krieg nicht zum Erfolg ). Sie sicherten sich so einen Teil des Kuchens, nämlich Nordamerika, um diesen mit den eigenen überflüssigen Leuten zu besiedeln; Australien war ein weiterer, später selbst entdeckter Bonus.

Allerdings folgt so etwas einer Eigendynamik, und kaum war das nun relativ leicht zu erreichende Nordamerika halbwegs besiedelt, sagte es sich seinerseits los von Europa; die Nordamerikanischen Kolonien verweigerten weitere Steuerzahlungen an England und machten sich selbständig. Auch sie wurden letztendlich dadurch reich und mächtig.

Die nächste Sezession, die Abspaltung des Nordamerikanischen Südens vom Norden, konnte nur mit brutaler Gewalt verhindert werden; ob das rechtens war, ist bei manchen bis heute umstritten.



Die Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika


Nachdem es für Europäer selbstverständlich geworden war, die Weltmeere zu bereisen ( und auch wieder heil zurückzukehren ), und sie auch festgestellt hatten, daß ihnen nur selten ernsthafter Widerstand entgegengesetzt werden konnte, ab 1670 etwa, begannen England und Frankreich um die Kolonialvorherrschaft in der Welt zu streiten, zuletzt in Nordamerika von 1754 bis 1763 als Teil des Siebenjährigen Krieges in Europa. Beendet wurde dieser Streit um die Weltherrschaft erst etwa 300 Jahre später durch den ersten und zweiten Weltkrieg, als ersten Deutschland und Japan ebenfalls Kolonien anstrebten und am Ende niemand mehr welche hatte, sich dafür aber ein ehemaliges Kolonialgebiet als neue Weltmacht etablierte: Die Vereinigten Staaten von Nordamerika.   

Nordamerika war zu der Zeit eine Ansammlung von Kolonien, wie Kolonien nun mal so sind, wie sie auch in Afrika gegründet wurden: Rhodesien, Deutsch - Südwest - Afrika, und so weiter. Nur daß in Nordamerika ( die englischen ) Kolonien eben 'Virginia' und 'Maryland' hießen. Georgia, auch später berüchtigt, war wie Australien eine Sträflingskolonie, errichtet 1733. 

England befand sich damals im Konflikt mit Frankreich, das ebenfalls in der ganzen Welt Kolonien errichtete, so auch in Nordamerika am Mississippi und in Kanada ( 'Detroit' z. B. ist eine französische Gründung ). Frankreich und England stritten um die Kolonialisierung Nordamerikas, als diese Kolonien sich teilweise selbständig machten. England besiedelte den Osten des Kontinentes, Frankreich den Norden ( Kanada ) und den Süden ( Louisiana ).

England blieb Sieger, aber der Konflikt, der englisch-französische Kolonialkrieg in Nordamerika und der Kampf gegen die aufständischen Indianer hatte neben dem siebenjährigen Krieg 1756-63 zwischen Frankreich und England in Europa viele Ressourcen gekostet, so daß in England eine Art nachträgliche Kriegssteuer erhoben wurde, auch in den englischen Kolonien in Nordamerika. Diese waren damals durchaus nicht unbedingt als "demokratisch" zu bezeichnen, sondern bestanden neben kleinen Siedlern und Pächtern eher aus eine Art Landadel.

Diese Kolonien setzen sich 1764 erstmals zu einem "Kongress" zusammen und weigerten sich, eine solche Steuer zu zahlen. Eine Begründung war

"No taxation without representation"

: "Keine Steuererhebung ohne Anhörung oder Vertretung" ( im Parlament ).

Natürlich kam es dadurch zu Konflikten, die in der Zerstörung von britischem Eigentum gipfelten - ein Sakrileg: die "Boston Tea Party" 1773, wo Tee der Ostindischen Tee Kompanie aus Protest gegen die von England erhobene Teesteuer von als Indianer verkleideten Untertanen des Königs ins Bostoner Hafenbecken geworfen wurde. Das war eine wertvolle Ware gewesen.

Man versuchte, der Täter habhaft zu werden, welche ja zunächst nichts waren als Vandalen auf englischem Boden. Aber es gab da auch andere Konflikte, so einen ( erfolglosen ) Versuch der englischen Armee, Waffen der Kolonisten einzusammeln, der in eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Kolonisten und Armee ausartete. Denn auch die Kolonien hatten wertvolle Waren: Zucker eben und ( Virginia - ) Tabak zum Beispiel, deren Preise und Steuern mehr oder weniger im "Mutterland" England gemacht wurden.

Der Handel wurde eingestellt, England schickte immer mehr Truppen, und der Konflikt eskalierte. Aus dem Handelskrieg wurde eine Revolution.

1776 sagten sich 13 englische Kolonien von England los.

Sie formulierten die "Pledge of allegiance to the flag" den Schwur der Loyalität der ( gemeinsamen ) Flagge, aus erbeuteten englischen Uniformen und Bettüchern zusammengenäht ( sie wird noch heute jeden Morgen geschworen, und den Kongress als Vertretung der Staaten gibt es auch noch. ). Das war eigentlich Hochverrat und wurde mit den Vorwurf der "Tyrannei" des englischen Königs gegenüber seinen Bürgern in den Kolonien gerechtfertigt. [ Seit dem ist es in den USA ein Recht, Waffen zu tragen, wenn man eine Miliz bildet - allerdings NUR dann! ]

Die nun freie englische Armee griff jetzt massiv ein. In dem nun folgenden jahrelangen Guerilla- und Zemürbungskrieg, in der die von George Washington geführten Rebellenhaufen - einem Pflanzer und Offizier, der sich eine Zeitlang sogar um ein Offizierspatent in eben jener englischen Armee bemüht hatte - hauptsächlich vor der schwerfälligeren englischen Armee davonlief, was aber die Wut der Bevölkerung auf diese nur noch weiter anstachelte.

Denn wenn erst der Rebellenhaufen durch ein Städtchen lief und alles was da war stahl und auffraß, dann die verfolgende englische Armee das Ganze wiederholte, wo nun eigentlich schon alles weg war, und das ganze deshalb noch etwas brutaler, dann war das nicht unbedingt geeignet, die Loyalität der Untertanen gegenüber ihrem rechtmäßigen Herrscher zu steigern.

Allerdings war es auch eine Art Revolution im eigenen Land; Es gab Konflikte zwischen den Pflanzern an der Küste und den Kleinsiedlern im Inland, die sich von diesen unterdrückt und über Gebühr ausgebeutet fühlten. Auch hatten die Pflanzer eine Heidenangst vor einem Sklavenaufstand und wollten deshalb sogar den Handel mit Sklaven aus Afrika einschränken, da es schon zu viele von Ihnen im Lande gab. Viele Pflanzer hatten zwei Fahnen; die amerikanische und die englische, die sie hißten, je nachdem wer gerade vorbeikam.

England wiederum erklärte, wie später Präsident Lincoln, die Sklaverei für illegal und jeden entlaufenen Sklaven, der sich auf ihre Seite schlug, zum freien Mann. Es kämpften am Ende mehr ehemalige afrikanische Sklaven auf englischer Seite gegen die Kolonisten als auf Seiten der Kolonisten gegen die Engländer.

England war selber erst 1649 Republik geworden. 1778 verbündete sich Frankreich mit den Kolonisten und schlugen die Engländer in der entscheidenden Schlacht auf amerikanischem Boden. Rache ist Süß! 1783 war die Revolution in Nordamerika vorbei, wurde aber von den zurückkehrenden französischen Soldaten nach Frankreich importiert, wo sie dann 1789 ausbrach.



1861 brach dann in Nordamerika der Sezessionskrieg aus, nachdem sich die immer noch agrarwirtschaftlich geprägten Südstaaten von dem industrialisierten Norden lossagte, jener diese Abtrünnigkeit aber nicht dulden wollte.

Die Befreiung der verschleppten Afrikaner aus der Sklaverei war dabei zwar nicht nur ein Vorwand, aber nach Aussagen des damaligen Präsidenten der gerade eben noch Vereinigten Staaten von Nordamerika, Abraham Lincoln, im Bürgerkrieg eher nebensächlich; wichtig aber war die Loslösung der ökonomie von der Sklaverei an sich.

Lincoln, dessen Republikanische Partei 1854 von politischen Gegnern der Sklaverei gegründet wurde, schrieb 1862 in einem Brief, ein Jahr nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges: "...Alles, was ich in bezug auf die Sklaverei und die farbige Rasse unternehme, tue ich, weil ich glaube, es könnte helfen, die Union zu retten." Mit der Proklamation, daß ab dem 1. Januar 1863 alle Sklaven in den abtrünnigen Staaten freie Leute seien, schwächte er diese entscheidend. ( Zitat: Lexikon der Populären Irrtümer, München 1998. ) Das galt zunächst nur für diejenigen, die sich auf die Seite des Nordens schlugen - bis dann die Armee der Nordstaaten im Süden einmarschierte.

1863 wurde dann im Norden zur Weiterführung des Bürgerkrieges der allgemeine Militärdienst (Draft) für alle arbeitsfähigen Männer ausgerufen. Wer konnte, entzog sich durch Flucht. In New York, wo die Menschen nicht so leicht ausweichen konnten, kam es zu den sogenannten Draft - Unruhen: Mit 300 Dollar konnte man sich zwar damals vom Militärdienst freikaufen; das war jedoch, wie es heißt, der drei - Jahres - Lohn eines Tagelöhners. Ein Sklave aus Afrika kostete angeblich zu selben Zeit etwa 1000 Dollar, also den Lohn von zehn Jahren - etwa 38 000 Dollar nach heutigem Wert, mit einem Gewinn aus ihrer Arbeit von etwa 5% pro Jahr, ein noch heute gültiger Rentabilitätsstandard. Heute gibt es auf der Welt nach manchen Angaben prozentual weniger, absolut gesehen mehr Sklaven als je zuvor; sie sind billiger und werfen mehr ab, da sie gegen Maschinen konkurrieren müssen.

Andererseits, so heißt es in der FR vom 10. 05. 06, waren afrikanische Sklaven (Plantagenarbeiter) außerordentlich billig: ein bis zwei Sklaven kosteten manchmal gerade soviel wie ein altes Pferd oder ein Hund. Die von ihnen geerntete Baumwolle wurde in Westeuropa zu Tuch verarbeitet; das wiederum wurde in Afrika gegen Sklaven eingetauscht, die Baumwolle ernten mußten. Der Rum von den Zuckerrohrplantagen ging wohl in den direkten Tausch gegen afrikanische Menschen und afrikanisches Land, wenn man nur genügend Häuptlinge betrunken machte. Wie Forscher und Reisende im Kongo berichteten, wurden ihnen an jedem Halt von den jeweiligen Häuptlingen oder anderen Mächtigen Arbeitssklaven zum Kauf angeboten - ob zur Verwendung in Afrika oder anderswo. Noch heute ist es dort gängige Praxis "unerwünschte Kinder loszuwerden". ( FR v. 14. 08. 06 ) "Der Dschungel ist immer hungrig" ( Conrad ).
 

Anm.: Wenn das oder etwas ähnliches stimmt, dann waren Sklaven schon deswegen eine lohnende Ware, auch wenn unterwegs die Hälfte starben - sie hatten ja in der ursprünglichen Anschaffung in Afrika wenig gekostet; für ihre Besitzer jedoch eine recht teure Angelegenheit: teuer in der Anschaffung, teuer im Unterhalt, teuer bei Verlust. Sie mußten mindestens zehn Jahre arbeiten, um sich zu lohnen. Erst dann brachten sie Gewinn; es lohnte sich also, sie einigermaßen zu behandeln - und sie behalten zu wollen, Flucht also zu unterbinden. Speziell in den Norden, wo Lohnarbeit lockte.  

Lohnarbeiter waren so gesehen viel billiger; keinen Anschaffungskosten ( der war ja schon bezahlt worden ), kein Unterhalt, nur Lohn. Die Sklaven waren als Erntehelfer ins Land geholt worden, und wie das in der Landwirtschaft so ist, gab es da auch Zeiten des Nichtstuns, in denen sie dennoch ernährt werden mußten. Afrikaner, die als Sklaven nach Amerika verschifft wurden, wurden , wie Knochenuntersuchungen zeigen, ( sofern sie nicht vorher starben ) größer und stärker als ihre in Afrika verbliebenen Verwandten; das heißt, sie wurden besser ernährt als diese; was unter den Umständen der Sklaverei auch Sinn macht ( seit neuestem verringert sich ihre Körpergröße wieder, was auf schlechtere Ernährung und schlechtere medizinische Versorgung weiter Bereiche der amerikanischen Bevölkerung auch außerhalb der Sklaverei hinweist ).

Mit der Erklärung der Freiheit aller Sklaven wurden ihre ehemaligen Herren über den Verlust des Kaufpreises empfindlich getroffen - den mußten sie abschreiben, auch wenn ihnen der Lohn für die ehemaligen Sklaven danach letztendlich billiger kam - denn im Lande waren sie ja nun schon einmal, und konnten, nein, mußten als "befreite" jetzt für Lohn arbeiten, um so zu überleben. Eine versprochene Bodenreform mit Landzuweisung ("40 Hektar und ein Muli") wurde nie durchgeführt. Die Freigelassenen zogen in die Hafen- und Industriestädte des Nordens und des Südens: Chicago, New York, New Orleans: das Lied "Ol' Man River" beschreibt zum Beispiel die Zustände NACH der Sklaverei.

[ Nach dem Bürgerkrieg waren das Land verwüstet, die Plantagen aufgelöst und danieder, die Besitzer enteignet - und damit auch ihr menschliches Eigentum, die Sklaven, frei. Man sagte diesen: Ihr seid frei, ihr könnt gehen; vielmehr: Ihr müßt gehen. Nur wohin? Die Gegend war ein Trümmerhaufen, das Geld wertlos, die Farmen geplündert und verwüstet, Saatgut und Nahrung nicht vorhanden. Tausende von hungernden schwarzen Menschen zogen auf ihrem Weg in die Industriezentren durch die umliegenden Kleinfarmen der Weißen auf der Suche nach Nahrung, Arbeit, Unterkunft. Profite aus der Bewirtschaftung von Plantagen gab es ja vorerst nicht mehr. Es waren die armen Kleinbauern, die Nahrungsmittel anbauten und nicht die Großgrundbesitzer; sie konnten sich aber mit ihrer Subsistenzwirtschaft kaum selbst ernähren. Also versuchten sie die Schwarzen von ihren Feldern fernzuhalten.

Die weißen Kapuzen und Umhänge der Ku-Klux-Klan-Leute waren erst einmal schlichte alte Bettlaken mit Gucklöchern an der dünnen Stelle in der Mitte; sie sollten, neben der Uniformierung, Sichtbarmachung und Vermummung des Trägers, Geister darstellen, um so verkleidet in nächtlichen Überfällen mit Prügel und als Monstranz erhobenen brennenden Kreuzen als Fackeln die aus Hunger die Felder plündernden, abergläubischen und geisterfürchtigen schwarzafrikanischen ehemaligen Sklaven in Angst und Schrecken zu versetzen und vom Land zu jagen. Weiß ist in Afrika die Farbe des Todes.

Wer sich durch Mummenschanz und nächtliche Prügel allerdings nicht verjagen ließ, wurde mit Hunden gehetzt und real umgebracht: erschlagen, erschossen oder gleich gruppen- und familenweise am nächste Baum aufgehängt - zur Abschreckung für die anderen. Aus dieser Zeit nach dem Bürgerkrieg, also eigentlich aus der Zeit nach dem Ende der Sklaverei, stammt ein Großteil des Hasses zwischen Schwarzen und Weißen in den USA, nicht nur aus der Sklaverei selbst. ]

Lincoln verbot außerdem die Ausfuhr des gerade von einem Zahnarzt erfundenen Anästhesiemittels in die Südstaaten, das zum Narkotisieren der Verwundeten der Nordstaaten bei den notwendigen Operationen und Amputationen verwendet wurde. Ebenfalls ein kriegswichtiger Vorteil.

Der folgende Amerikanische Bürgerkrieg war in Art, Umfang und Zahl der Toten der Vorläufer des bald darauf folgenden I. Weltkrieges in Europa, also von Amerika aus gesehen im Osten, dessen Nachfolger, der II. Weltkrieg, wiederum noch weiter in Osten ausgetragen wurde; "Der große Weltkrieg war" nach einem Zitat "vor allem ein europäischer Bürgerkrieg" - eigentlich waren das beide. Und auch hier ging es auf allen Seiten ein letztes Mal um die Legitimität der Sklaverei als ökonomische Kraft, welche die nationalsozialistischen Herrenmenschen als Idee aus den verlorengegangenen deutschen Kolonien in Europa wieder einführen wollten.

Es ist, als ob - ausgehend von dem amerikanischen Bürgerkrieg gegen die Sklaverei - der Krieg von Westen kommend die bäuerlichen Gesellschaften in ganz Europa umpflügt: Verdun - Berlin - Sarajevo - Tschetschenien; überall dort, wo das Bestehende buchstäblich zerstört wird, um der städtisch - kapitalistischen Gesellschaft den Boden zu bereiten.

Die letzten Sklaven Europas leben heute noch, und die Idee vom Arbeitslager als Ökonomische Möglichkeit lebt immer noch in den Köpfen, obwohl deren soziale Destruktivität jetzt noch höher sein dürfte als beim letzten Mal.

So begann das Zeitalter der "Kolonialisierung" oder "Colonialisierung" der Welt durch Nordwest - Europa. Zum ersten Mal wieder seit Römischer Zeit wurden im großen Stil nicht nur Sachen aus den eroberten Gebieten ausgeführt, sondern auch Menschen aus Europa und Afrika in die eroberten Gebiete eingeführt. Wenn Südamerika als der Hinterhof der USA bezeichnet wird, so verdient Afrika die Bezeichnung als der Hinterhof Europas, so wie Europa und Nordafrika der Hinterhof Roms waren.

Der Wortstamm "colo" in diesem Begriff stammt zwar tatsächlich aus dem lateinischen und bedeutet soviel "Ansiedeln" oder "Urbar machen", aber wenn man bedenkt, daß der Mann, den wir in der lateinischen Amtssprache als Christopherus Columbus kennen, in Spanien und Portugal als "Cristobal Colón" bekannt war, hat er vielleicht noch eine andere, subtilere Bedeutung.

Hat Beheim aus Nürnberg jemals seinen Globus korrigiert? Nein, er starb fast im selben Jahre wie Kolumbus: 1507. Zufall über Zufall.




  


ZEITTAFEL

[ Wie alles ohne Gewähr ]

370 v.C.   Der Grieche Eudoxos schafft als erster ein mathematisches Modell für die Darstellung der Welt als Kugel

271 v.C.   Die Chinesen befahren mit Hilfe des von ihnen entwickelten Kompass die offene See bis nach Indien und Ostafrika, wo sie mit dem Arabischen Handelsraum in Berührung kommen

228 v.C.   Der Grieche Eratosthenes  von Alexandrien berechnet den Umfang der Erdkugel durch Messungen des Schattenwinkels der Sonne mit einer nur geringen Abweichung vom exakten Wert ( etwa 40.000 km )

[ Er maß dazu anscheinend zur Sonnenwende den Winkel des Schattenwurfes einer senkrechten Säule in Alexandrien in Ägypten und verrechnete ihn mit der bekannten Entfernung nach Assuan ziemlich genau im Süden, wo die Sonne an diesem Tag sich am Boden eines senkrechten Brunnenschachtes spiegelt. ]


… Es passiert erst einmal nichts …


711 - 718   Die Mauren erobern die iberische Halbinsel und Südfrankreich; unmittelbar darauf beginnt die christliche Rückeroberung ( "Reconquista" )

981   Der Wikinger Erik der Rote gründet eine Kolonie auf Grönland

1000 Der Wikinger Leif Erikson entdeckt Vinland ( Labrador ) in Nordamerika

1181 Erste Erwähnung der Kompassnavigation im Mittelmeer; vermutlich von den Arabern von den Chinesen übernommen. Löst zusammen mit der Astronavigation nach den Sternen die Küstenseefahrt nach Sicht ab; damit wird auch in Europa die offene Seefahrt über die Weltmeere möglich

1249 Die Portugiesen haben ganz Portugal von den Mauren befreit und widmen sich der Seefahrt

1292 Der Italiener Marco Polo kehrt von einer zwanzigjährigen Weltreise fast ausschließlich auf dem kontinentalen Landweg, ausgehend von der Seidenstraße, durch Asien, Indien und Indonesien (Ostasien / Ostindien) zurück und verfasst einen sensationellen Bericht


… Es passiert eine Weile nichts …


1421 Die Chinesen brechen mit einer großen Flotte zu einer Weltumsegelung auf, möglicherweise ohne dieses zu wissen, und hinterlassen der Welt präzise Karten, die womöglich in Indien den Portugiesen in die Hände fallen

1434 wird das Pergament zur umstrittenen Vinlandkarte hergestellt, die anscheinend zwischen 1431 und 1449 gezeichnet wurde und den Nordatlantik mit der Westküste Kanadas zeigt; der Deutsche Nikolaus von Kues postuliert die Kugelgestalt und Achsendrehung der Erde

1447 Die "Genueser Weltkarte" wird in Florenz hergestellt; die Portugiesen entwickeln die Navigation nach Sonne, Kompass und Sternen zur relativ sicheren Kunst

1473 Der Portugiese João Vaz Corte-Real sucht mit dem Deutschen Didrik Pining eine Nordwest - Passage auf dem Seeweg nach Asien und findet sie nicht ( sie existiert bis heute nicht, auch wenn sich einige Schiffe und Boote inzwischen durch das Eis zwischen Alaska und Grönland gekämpft haben - aber vielleicht kommt das ja noch im Zuge der Erderwärmung  )

1488 Der Portugiese Bartholomäus Diaz schafft es auf dem Seeweg bis zum Horn von Afrika

1492 Die Spanier erobern die letze maurische Bastion in Granada zurück. Die "Reconquista" der spanischen Halbinsel ist damit nach fast 800 Jahren Bürgerkrieg abgeschlossen: wohin nun mit den vielen Soldaten?

1492 Der Genuese Kolumbus segelt für die Spanier über den Atlantik und entdeckt so Amerika für die Spanier; hält es für Asien

1493 Alle beteiligten Länder sind katholisch; der Vatikan teilt die Welt unter ihnen auf

1498 Der Portugiese Vasco da Gama erreicht endlich Indien auf dem Seeweg um Afrika herum nach Osten. Seitdem hält sich hartnäckig der Name "Ostindien" für die Inseln östlich von Indien und "Westindien" für die für die Inseln östlich von Amerika: Indien im Westen und Indien im Osten, von Europa aus gesehen; Amerika existiert in dieser Vorstellung noch nicht

1517 Die Portugiesen erreichen Ostasien; der Deutsche Martin Luther nagelt der Legende nach ( oder symbolisch gesehen ) seine Thesen wider die Praxis der katholischen Kirche an deren Eingangstür, und Deutschland fällt vom Glauben ab

1522 Die Spanier - anfänglich unter dem Kommando des Portugiesen Magellan ( Fernão de Magalhães ) - haben als erste die ganze Welt umschifft; sie brauchen dafür fast drei Jahre ( 20.09.1519 - 06.09.1522 ). Damit ist bewiesen: sie ist eine Kugel. Der Vatikan glaubt das offiziell weiterhin nicht - bis der erste Papst 500 Jahre später die Welt bereist hat. Im selben Zeitraum ( 20.09.1519 - 06.09.1521 ) besiegt Cortez die Azteken

1571 In der Schlacht von Lepanto vor Griechenland besiegte die Flotte der christlichen ( katholischen ) Allianz von Spanien unter Philipp II. und Venedig die weitaus stärkere Flotte der Osmanen und warf sie so militärisch aus dem Mittelmeer. Möglich war dieses durch die Erfindung der Breitseite, einer massiv überlegenen Bewaffnung, mit der man quasi im Vorbeifahren den Gegner aus allen Rohren beschießen konnte

Es war die letzte Seeschlacht, in der auf beiden Seiten Galeerensklaven als Ruderer eingesetzt wurden; auf christlicher Seite war den überlebenden die Freiheit versprochen worden. Diese Art der Bewaffnung von Kriegsschiffen, durch Bestückung mit ( mehreren ) Reihen von Kanonen längsseits, setzte sich durch - zumindest dort, wo man genügend Schießpulver hatte. 'Christ' galt damals als Synonym für 'Abendländer' wie 'Muselman' für 'Morgenländer' - Schnittpunkt war Jerusalem, an der Grenze vom Mittel - zum Roten Meer ( Früher: Erythreische See ) und damit zum Indischen Ozean

1588 Nur 17 Jahre später wurde die mächtige spanische Kriegsflotte ( die 'armada', die 'bewaffnete' ) durch die neuen, aufstrebenden ( auch christlichen, aber protestantischen, daher abtrünnigen ) Kolonialmächte England ( und Holland ) geschlagen und noch einmal neun Jahre später endgültig vernichtet



Weiterführend:



Beheim / Magellan / Martin Luther / Kolumbus: weiterführender Text


Antipoden: Nur wenige Landmassen liegen einander wirklich antipodisch gegenüber. Wo auf der einen Seite der Erdkugel eine Landmasse liegt, liegt bemerkenswerterweise auf der gegenüberliegenden Seite fast immer ein Ozean - und das scheint schon immer so gewesen zu sein.


S. auch:








Exkurs:

Die zusammengekaufte Nation

Die USA sind die erste Nation der neueren Geschichte, die unter kapitalistischen ( investiven ) Gesichtspunkten zusammengekauft wurde.

Es begann mit dem Kauf von Manhattan Island vor New York von den Indianern für eine Hand voll Dollar. Dann wurde, was nicht umsonst zu haben oder mit Gewalt zu holen war, dazugekauft: 1803 Louisiana von Frankreich , 1819 Florida von Spanien und 1867 Alaska von Rußland. Einer der Gründerväter der USA und ihr späterer ( dritter ) Präsident ( 1801 ), Thomas Jefferson, war einer derjenigen, die ein solches Handeln zum Prinzip erhoben; Ronald Reagan, 40. Präsident der USA, benutzte es in Abwandlung, um einen militärischen Gegner durch die Anwendung reiner Wirtschaftskraft zu besiegen. *

Allein mit den Mexikanern konnte man sich wohl nicht auf einen Preis für den Südwesten einigen ( 1836 ). Denkt an Alamo! Was war das? Eine unfreundliche Übernahme?

Der Präsident der Vereinigten Staaten ( oder Fusionierten Staaten ) ist von daher kein Staatsoberhaupt oder - repräsentant im europäischen Sinne, sondern der gewählte Vorstandsvorsitzende ( Präsidierende ) einer großen ( Aktien - ) Gesellschaft.

War es also das, worum es im Amerikanischen Bürgerkrieg ging? Die Verhinderung einer Abspaltung ( Sezession ): Die Verteidigung einer Investition?


* Nebenbei der vermutlich einzige Präsident der neuen US - Geschichte, der ein ernsthaftes Attentat auf seine Person überlebte und zwei Amtsperioden durchstand, ohne seine Nation in größere kriegerische Aktionen auf fremdem Territorium zu verwickeln - ein wahrer Revolutionär in seinem Amt.

Und, im Licht der obigen Ausführungen, einer der wenigen, der die wahre Natur des ihm anvertrauten Landes verstanden zu haben scheint: er nahm es mit seinen Feinden oder Konkurrenten um die Weltherrschaft auf und besiegte sie, in dem er diese in einen ökonomischen Wettkampf verwickelte und dann INVESTIERTE. Womit er das aufgriff und fortführte, was Thomas Jefferson begonnen hatte. ]









SPIEGEL 13/1999 S.282:

Die Basken ( also Nordspanier ) waren angeblich lange vor Kolumbus vor Neufundland als Kabeljaufischer tätig, was sie wegen der christlichen Feiertage ( fast das halbe Jahr war kein Fleisch erlaubt ) sehr reich gemacht hatte - spätestens seit 1497, aber angeblich schon lange zuvor!



SPIEGEL 32/2002:

Vinlandkarte SPIEGEL Gross hier klicken Im Oktober 1965 traten Historiker der amerikanischen Yale-Universität mit einem brüchigen Pergament vor die Weltpresse. Vorsichtig entrollten sie die vergilbte Tierhaut, auf der mit Eisengallustinte die Kontinente Europa, Asien und Nordafrika gezeichnet waren - und die Küste Kanadas. Dann folgte der Knüller. Das Werk sei "zwischen 1431 und 1449" entstanden, so die Forscher - rund 50 Jahre vor der legendären Überfahrt von Christoph Kolumbus.

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Fazit:

Kolumbus hat die Karibik und Süd - Amerika entdeckt, eigentlich nur den Golfstrom als Transportband; dieser hatte bisher alle auf der Nordroute davon abgehalten, an der nordamerikanischen Ostküste weiter nach Süden vordringen zu können als Neu - England; er aber fand die Südroute - wo der mächtige Meeresstrom direkt nach Westen ( Amerika ) fließt - mit Rückkehrgarantie über den Norden, wo er wieder nach Osten ( Europa ) zurückfließt. Seine Erfahrung beim navigieren am und nördlich und südlich der Äquators kam ihm dabei zugute

Es zeigt sich immer wieder: Kolumbus' große Leistung war das Zurückkommen, der Weg zurück.

JHR  
 
 

 
 

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